Wir haben diese Behauptung geprüft: Stimmt es, dass
Entwickler von Künstlicher Intelligenz bis zu zwei Millionen Dollar für Chatprotokolle gescheiterter Start-ups zahlen, um damit Modelle zu trainieren?
Abwicklungsdienste vermitteln interne Chatprotokolle für 10.000 bis 100.000 Dollar, während höhere Summen bisher unbestätigt sind.
Entwickler kaufen Chatprotokolle gescheiterter Start-ups für KI-Training
Abwicklungsdienstleister versilbern interne Archive insolventer Tech-Firmen trotz massiver Bedenken beim Arbeitnehmer-Datenschutz.
Das Wesentliche
Insolvente Start-ups verkaufen interne Slack-Verläufe, Jira-Tickets und E-Mails an KI-Entwickler, die Trainingsdaten für betriebliche Assistenzsysteme suchen. Vermittelt über Liquidationsspezialisten wie SimpleClosure bringen diese Transaktionen den Gläubigern zwischen 10.000 und 100.000 Dollar je Firmennachlass ein. Weil die Kommunikation nach Insolvenzrecht als Unternehmenseigentum gilt, haben ehemalige Mitarbeiter keine rechtliche Handhabe gegen den Weiterverkauf ihrer einstigen Arbeitsplatzgespräche.
Die Kernpunkte
- Der Abwicklungsdienstleister SimpleClosure hat knapp 100 Datenpakete aus Arbeitsbereichen gescheiterter Start-ups an KI-Entwickler vermittelt.
- Nachgewiesene Erlöse für interne Kommunikationsarchive liegen zwischen 10.000 und 100.000 Dollar je Insolvenzmasse.
- Online kursierende Berichte über Spitzengebote zwischen 200.000 und zwei Millionen Dollar sind bislang unbestätigt.
- Ehemalige Beschäftigte besitzen keine rechtliche Grundlage oder Mitspracherechte, um die Liquidation ihrer Chatverläufe zu verhindern.
Aus dem Tagebuch des Redakteurs
Bricht ein Unternehmen zusammen, wird die frühere Arbeitsplatzkommunikation von einer vertraulichen Unterhaltung zu verwertbarem Firmeninventar, auf das Beschäftigte keinen Zugriff mehr haben.
Wer beteiligt ist
Dori Yona
Chef des Abwicklungsdienstleisters SimpleClosure
will → Digitale Nachlässe liquidierter Firmen zu Geld machen, um Gründern und Investoren Kapital zurückzuzahlen
KI-Dateneinkäufer
Technologieunternehmen und Datenhändler mit Fokus auf betriebliche Arbeitsabläufe
will → Authentische Chatprotokolle aus Unternehmen beschaffen, um Modelle für Büroautomatisierung zu trainieren
Shanna Johnson
Frühere Chefin des aufgelösten Mediendienstleisters cielo24
will → Digitale Archive des Unternehmens veräußern, um Restwerte für Gläubiger zu sichern
Marc Rotenberg
Gründer der Denkfabrik Center for AI and Digital Policy
will → Den Zugriff auf interne Chatarchive unterbinden und Datenschutzrechte für Angestellte durchsetzen
Start-up-Beschäftigte
Ehemalige Mitarbeiter, deren berufliche Kommunikation nach der Firmenauflösung veräußert wird
will → Private Nachrichten schützen und ihre Privatsphäre am früheren Arbeitsplatz wahren
Kurz gefasst
Interne Chatprotokolle gescheiterter Start-ups entwickeln sich zu einer gefragten Handelsware für Entwickler Künstlicher Intelligenz. Für frühere Angestellte gibt es dabei praktisch keine Möglichkeit zu verhindern, dass ihre einstigen Arbeitsplatzgespräche in den Trainingspipelines automatisierter Modelle landen.
Solange das Insolvenzrecht firmeninterne Unterhaltungen als Betriebsvermögen einstuft, können Abwickler diese Kommunikationsarchive weiterhin an KI-Entwickler veräußern.
Ein Stopp dieses Handels gilt vorerst als nahezu ausgeschlossen, da es derzeit weder gesetzliche Verbote noch aufsichtsrechtliche Vorgaben gibt, die den Verkauf betrieblicher Kommunikation im Zuge von Liquidationen untersagen.
Wie es sich entwickelte
Firmenpleiten eröffnen neue Datenquellen für KI
Immer mehr insolvente Technologie-Start-ups verkaufen ihre internen Betriebsdaten an Entwickler Künstlicher Intelligenz, die nach Trainingsmaterial für Software zur Büroautomatisierung suchen. Wie das US-Magazin Forbes berichtete, umfasst das Material historische E-Mail-Bestände, Jira-Protokolle und Slack-Nachrichten.
Datenhandel stößt auf scharfe Kritik von Datenschützern
Nachfolgende Berichte belegten, dass der Liquidationsdienstleister SimpleClosure bereits rund 100 Datenpakete aus Unternehmensarbeitsbereichen vermittelt hat, mit Erlösen von 10.000 bis 100.000 Dollar pro Firma. Bürgerrechts- und Datenschutzorganisationen, angeführt vom Center for AI and Digital Policy, kritisierten, dass interne Chatprotokolle identifizierbare Mitarbeiter ohne deren Einwilligung offenlegen. Rechtsexperten verwiesen jedoch darauf, dass das betriebliche Eigentumsrecht den Beschäftigten rechtlich keine Handhabe bietet, diese Transaktionen zu stoppen.
Social-Media-Gerüchte heizen Debatte mit Spekulationen an
Beiträge in Online-Netzwerken fachten die Diskussion um die Verwertung von Start-up-Daten neu an. Dabei war von Geboten zwischen 200.000 und zwei Millionen Dollar für besonders gefragte Slack- und Notion-Datensätze die Rede, wenngleich belegte Maklerunterlagen weiterhin bei maximal 100.000 Dollar enden.
Wo die Dinge stehen
Insolvenzabwickler wie SimpleClosure bieten interne E-Mail-Archive und Slack-Verläufe gescheiterter Start-ups weiterhin gezielt Entwicklern Künstlicher Intelligenz an. Belegte Transaktionen bringen den Insolvenzmassen zwischen 10.000 und 100.000 Dollar je Unternehmen ein, während Gerüchte über Millionenerlöse bislang unbegründet geblieben sind.
Solange weder Gesetzgeber noch Aufsichtsbehörden einschreiten, stützt sich dieser Handel auf das herkömmliche Unternehmensinsolvenzrecht. Für frühere Angestellte bleibt die Lage damit unverändert: Ihre historische Kommunikation am Arbeitsplatz gilt juristisch als Unternehmenseigentum, das sie der Verwertung nicht entziehen können.